Advents-Geschichten

28 Geschichten, 28 Autorinnen:  Humorvolle, historische, liebevolle und auch fantastische Geschichten für große und kleine Menschen verkürzen das Warten auf Weihnachten. Das Adventsbuch ist im Herbst im Rhein-Mosel-Verlag erschienen.

 

Aus "Wie ein Phönix", Advents-Geschichten

 

... Die Vinyl-Scheibe in meinem Kopf hat einen Kratzer, in dem die Nadel hängengeblieben ist und in

Endlosschleife „ich mag dich aber ich liebe dich nicht“ abspielt. Im Rückspiegel sehe ich Lukas durch den Schleier meiner Tränen immer kleiner werden.

Nach dem Ortsende-Schild tut sich weite Landschaft auf. Ich brülle wie ein Tier, das in eine Bärenfalle

geraten ist. Schreie meinen ganzen Schmerz heraus, bis meine Kehle wund ist. Es fühlt sich so falsch an. So gar nicht nach Abschied.

Der Schock ist noch nicht ganz bei mir angekommen. Hat sich irgendwo in den Weiten meines Bewusstseins verlaufen. Alles, was ich fühle, ist mein Herz in der Bärenfalle, das ausblutet wie koscheres Fleisch ...

 


Die Wächter der Bücher

Die Novelle "Die Wächter der Bücher" ist eine fantastische Geschichte über Schreiberlinge und Bücherfresser, die ich im Januar 2017 bei einer Lesung vorgestellt habe.

 

Hier ein Ausschnitt:

... Deren Berichte waren niederschmetternd. Überall wucherten neue Geschichten wie giftiger Efeu,

überall entstanden neue Bücher. Sogar Häuser wurden eigens für die Flut der Bücher gebaut. Das übertraf alles, was sich Lupinus in seinen düstersten Gedanken vorzustellen vermocht hatte. Die Existenz der Zunft war bedroht! Denn seit langer Zeit verfügten die Hüter der Schriften über das Privileg des Büchermachens und deren abgewogene Verbreitung.

In Großmeister Lupinus' grenzenloser Verzweiflung entschied er sich, einen Bund mit der Rasse der Vielfresser einzugehen. Wohl wissend, wie gefährlich dieses Unterfangen war, denn die Vielfresser waren zu Recht verhasst und gefürchtet. Sie waren kaum zu erkennen, da sie jede beliebige Form annehmen konnten. Das machte sie äußerst gefährlich. Als Käfer getarnt fraßen sie wertvolles Holz. Vielfresser-Raupen vernichteten in rauen Mengen ganze Wälder. Als Motten verkleidet fielen sie über Vorräte her und als Heuschrecken getarnt vernichteten sie manche Ernte.

Nur sehr wenige Menschen kannten ihre wahre Gestalt und den Ort, an dem sie lebten. Lupinus aber war mit Manduculus, dem Gebieter der Vielfresser, bekannt und beraumte ein geheimes Treffen an.

Manduculus stimmte einem Pakt mit Lupinus zu. Sie beschlossen, die entstandenen Bücher zu leeren. ...



Mord auf thüringisch

Die Idee zu der Geschichte „Mord auf thüringisch“ hatte ich im Mai 2016 in der Schreibwerkstatt mit Marina Rellin in Thüringen. Für „Wegesrandforscher“ gibt es allerhand zu entdecken und nicht alles in der Geschichte ist reine Fantasie …

Ausgearbeitet habe ich die Krimikomödie für eine Lesung in der JVA Ulm am 05. April 2017.

Hier ein Ausschnitt:

 ...  Abermals beschleunigte sie und legte ein ordentliches Tempo vor. Inzwischen dürfte es 9 Uhr durch sein, das Wetter hatte sich gebessert und sie hoffte inständig, ihr möge ein Frühstück in seiner werten Gesellschaft erspart bleiben. Gerade, als sie die Abzweigung zur Pension nehmen wollte, zerrissen Rufe die Stille: „Alter, ich hab‘ einen ganzen Torso gefunden! Ein Bein hängt auch noch dran.“

„Torso?! Alter, du bist so ein Klugscheißer. Zeig schon her. Boah, hier liegt noch ein Arm.“

‚Ich hör‘ wohl nicht gescheit. Was ist denn hier los?‘, dachte Simone und blieb abrupt stehen. Eine Leiche hatte ihr gerade noch gefehlt! Nun, es wäre nicht die erste Leiche, die sie sehen würde. Sie setzte sich in Richtung der Stimmen in Bewegung.

„He! Ich hab´ das gefunden! Gib das sofort wieder her!“

„Pech, Alter, ich war schneller.“

Schon flitzte eine rote Jacke aus dem Unterholz und hätte Simone beinahe umgerannt. ...

P.S. Falls Ihnen Simone Brinkmann bekannt vorkommen sollte: "Mord auf thüringisch" ist die erste Begegnung mit der großgewachsenen Biologin. In den Geschichten "I gangat gern auf d' Kampenwand" und "Begegnungen" treffen Sie sie wieder.


Weitere Leseproben

Aus "Zauberhafte Genie", Kampenwand

 

... „Ich bin Horst, genannt Hodde. Mit zwei „d“, nicht mit langem „o“.“

Eugenies Mutter errötete. Gleichzeitig bildete sich eine steile Falte senkrecht über ihrer Nasenwurzel, die ihre Stirn in zwei Hälften teilte. Den Ausdruck kannte Eugenie und beeilte sich zu sagen: „Ich bin

Eugenie und das ist meine Mutter Anton.“

„Sehr angenehm. Eugenie und Anton, ich freue mich, euch kennenzulernen.“

„Antonietta. Ich heiße Antonietta.“

„Ich glaube, ich habe einen Namen für den kleinen Kerl gefunden. Was haltet ihr von Eugen?“

„Oh, bitte nicht!“, entfuhr es Eugenie entsetzt.

Horst blickte verwundert und wartete auf eine Erklärung.

„Dann lachen ihn alle aus.“ Eugenie konnte den traurigen Trotz in ihrer Stimme nicht verbergen.

„Mir gefällt dein Name sehr gut. Wenn ich Hund Eugen taufe, werde ich mich immer an das hübsche kleine Mädchen namens Eugenie erinnern, das ich auf der Kampenwand kennenlernen durfte. Lass uns schauen, was Hund dazu meint, ok? Eugen, hierher!“, rief er das Tier, das sofort aufhorchte. Es sah beinahe aus, als würde der Hund grinsen, als er zu Horst hüpfte. „Siehst du, ihm gefällt der Name auch.“ ...

 

Aus "I gangat gern auf d' Kampenwand" , Kampenwand

 

... Zufrieden lehnt er sich zurück und erinnert sich an einen alten Schüttelreim: ‚I gangat gern auf d' Kampenwand, wann i mit meiner Wamp'n kannt.‘ Den rezitiert er lieber nicht laut. Die Anspielung auf seinen stattlichen Bauch, den er liebevoll „Weißwurst-Muskel“ getauft hat, von bösen Zungen auch Wamp'n genannt, verkneift er sich wohlweislich. Dieser steckt vorteilhaft verpackt in einer ledernen Kniebundhose mit Latz, die strammen Wad'ln in wollenen Kniestrümpfen mit Zopfmuster und die Füße in erprobten Wanderschnürschuhen ...

 

Aus "Die Legende der Bänke" ,Bankerl G'schichten

 

... In der Abgeschiedenheit, auf seiner Bank oder in seiner einsamen Hütte oben auf der Alm, konnte er die Menschen unten im Dorf ausblenden. Hier war er mit sich und der Welt im Reinen. Emilio wusste, dass er anders als die Menschen unten im Tal war, was ihnen Angst einzuflößen schien. Daher mieden sie ihn und keiner der Ein­heimischen verirrte sich je auf seine Alm. Das war ihm nur recht. Auch er wollte nichts mit diesen Menschen zu tun haben. Den Menschen, die sich nicht für ihn interessierten, sondern nur für das, was einmal geschehen war. Sie sahen in ihm nur Emilio, den Fremden, der Schande über eine Tochter des Dorfes gebracht hatte. Sie erwiderte seine Liebe und war ihm innig zugetan. Ihre Familie jedoch sah nur die Schande, die er über ihre Tochter gebracht hatte und eines Tages waren sie verschwunden.

Das alles war schon so lange her. Doch die Be­wohner des Dorfes vergaßen nicht. Vererbten ihre

Geschichten an ihre Kinder, ihre Freunde und Ver­wandten, die sie weitertrugen von Mund zu Mund. Jeder schmückte die Geschichten noch weiter aus, bis nichts mehr übrig blieb von der Wahrheit einer großen Liebe ...

 


Schloss-Geschichten - Anthologie Aschauer Autorenwoche 2018

Geschichten rund um Aschau: Diesmal steht Schloss Hohenaschau im Mittelpunkt. Freuen Sie sich auf die Geschichten der dritten Anthologie der Aschauer Autorenwoche. 

Aus "Begegnungen" von Tanja Petit, Schloss-Geschichten

 

... Burgen und Schlösser sind noch nie mein Ding gewesen. Während andere kleine Mädchen davon geträumt haben, einen Prinzen zu ehelichen und Prinzessin zu werden, bin ich durch Wiesen und

Wälder gesteift. Pflanzen faszinieren mich bis heute und ich habe sie tonnenweise nach Hause geschleppt, wo ich sie gepresst und hingebungsvoll katalogisiert habe.

Natürlich bin ich nicht Prinzessin geworden, sondern habe Biologie studiert - was sonst? – und mich auf

forensische Botanik spezialisiert. Viel zu oft kommt es vor, dass mich das LKA zu den unmöglichsten Zeiten anfordert. Kleinste Pflanzenfasern können zur Klärung eines Kapitalverbrechens beitragen. So viel also zur Chance auf einen Prinzen mit weißem Ross, der mich wohl nie angetroffen hat, weil ich irgendwo im Dreck gebuddelt habe oder hinter dem Mikroskop gesessen bin ...